- Auch die Zwischenschritte feiern

Auch die Zwischenschritte feiern

Philemon Moser begrüsst den Besucher in der grossen Halle an der Paracelsusstrasse in Ostermundigen, einem Vorort von Bern. Dort führt die Vineyard-Gemeinde Bern ein Sozialzentrum, das Immigranten ganzheitliche Integrationshilfe anbietet. Der Berner Mittvierziger wirkt nicht wie ein Pastor, aber auch nicht wie ein typischer Sozialarbeiter. Er ist beides, und er betreut den wohl dynamischsten Arbeitszweig der Gemeinde.

Fritz Imhof


Philemon Moser trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift «Invisible Children». Das T-Shirt hat nicht direkt mit seiner Arbeit in der Lagerhalle an der Paracelsusstrasse zu tun. Er trägt es als Wertschätzung für eine christliche Arbeit, die unter diesem Namen entwurzelte Menschen – ehemalige Kindersoldaten in
Uganda – betreut. Die Leitung des Werks hat trotz einem terroristischen Anschlag während der letzten Fussballweltmeisterschaft, der unter Mitarbeitenden und Betreuten viele Tote forderte, nicht aufgegeben.

Nahe und doch so ferne Nachbarn

Auch die Klienten, mit denen Philemon Moser zu tun hat, sind entwurzelte Menschen: Leute aus Sri Lanka, der Türkei, Somalia, Schwarzafrika, dem Kosovo, und, und .... Sie leben zwar ganz nahe und stehen den Schweizern doch so fern.
Die meisten dieser Menschen kommen am Dienstagmorgen. Ein Team der Berner Vineyard-Gemeinde gibt hier kostenlos Lebensmittel, Haushaltsgeschirr und Kleidungsstücke ab. Die Vineyard Bern hat sich in rund 20 Jahren mit sozialdiakonischer Arbeit einen guten Ruf verschafft. Sie beherbergt und begleitet auch eine Immigrantengemeinde aus Afrika. Inzwischen ist daraus eine weitgehend selbständige frankophone Gemeinde hervorgegangen. Dazu ist eine englischsprachige Community gestossen, die sich ins Programm und die Gottesdienste der Gemeinde integriert. Aus beiden Gemeinden kommen Leute nach Ostermundigen: als freiwillige Helfer oder als Klienten. Immigranten ausserhalb der Gemeinde kommen als Bezüger von Sach- und Dienstleistungen – und auch als Spender solcher Leistungen. «Heute waren es rund 100 Menschen», sagt Philemon Moser beim Interview.
Moser wehrt sich gegen eine künstliche Unterscheidung in eine Gemeinde- und eine Sozialarbeit der Vineyard Bern. Er sieht beides als Ausdruck des Lebens einer christlichen Gemeinde. «Wir möchten hier gemeinsam Nachfolge Christi leben, einen ganzheitlichen Lebensstil, der für Aussenstehende und Nachbarn transparent ist.» Der soziale Auftrag könne nicht vom prophetischen getrennt werden.

Sie wollten teilen

Eine neue Perspektive hat sich Philemon Moser eröffnet, als eine muslimische Frau ihre Mithilfe anbot. Er erkannte, dass DaN nicht eine Einbahnstrasse bleiben muss. Etliche, die von DaN etwas bekommen haben, möchten auch etwas geben. Eine muslimische Immigrantin bot sich als freiwillige Mitarbeiterin beim Kochen für das Helferteam an. Andere bringen selbst Waren mit, die sie an Bedürftige weitergegeben wollen. Ein
Geben und Nehmen ist entstanden.
«Aber es darf keine Delegation dieses Auftrags an unsere Gruppe sein», betont Moser, «sondern muss Teil des Lebens der Vineyard Bern bleiben». Ein Auftrag übrigens, an dem sich auch Freiwillige aus weiteren drei Gemeinden in der Region beteiligen, die selbst kein vergleichbares Angebot führen.

Accueil des nouveaux venus au culte de «La Vigne», une église francophone pratiquement autonome née du travail social et diaconal de Vineyard Berne.
Die inneren Bedürfnisse

DaN will den Menschen aus dem Süden freilich nicht nur Materielles weitergeben, sondern auch Lebenshilfe und Anstösse zum Glauben und zum Handeln nach christlichen Grundsätzen. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, beginnt jeder Gang durch das Warenangebot mit einer Begegnung im Bistro bei Tee oder Kaffee. Im Gespräch werden Leute aus jedem kulturellen und religiösen Hintergrund abgeholt. Sie erfahren Interesse und erhalten Auskünfte, wie Christen mit Lebensproblemen und Fragen über Gott und die Welt umgehen. «Im Gesprächsteam arbeiten auch Leute mit, die Farsi (eine persische Sprache -Red.) oder Arabisch sprechen», sagt Moser. Da gebe es keinen Bekehrungsdruck, aber gegebenenfalls den Hinweis darauf, dass Christen auf Verletzungen durch Mitmenschen mit Vergebung reagieren. Das verhilft den Immigranten zu neuen Einsichten und baut ihnen eine Brücke zum Glauben. Viele sind «Kulturmuslime», so wie es in der Schweiz viele «Kulturchristen» gebe, erklärt Moser.

Zwischenschritte ...

Die von DaN-Mitarbeitenden betreuten gesprächswilligen Gäste haben einen langen Weg vor sich, wenn sie sich für unsere Kultur und den christlichen Glauben öffnen. Sie werden auf diesem Weg schrittweise begleitet. Wenn sich jemand entschliessen kann, einem Menschen eine schlechte Tat zu vergeben, ist das schon ein grosser Schritt, betont Moser. Wenn solche Entscheidungen bekannt werden, feiert sie das Team gemeinsam mit ihnen. Es gibt dazu bestimmte Rituale.
Bei vielen fängt der Dienst am Nächsten im Nähatelier an, wo sie eine sinnvolle Beschäftigung finden, oder in einer der vier Alphabetisierungs- und sieben Sprachkurs-Klassen. Während vorwiegend Mütter die Schulbank drücken, erleben ihre Kinder ein auf sie zugeschnittenes Programm, zu dem auch biblische Geschichten gehören.

Verzicht auf staatliche Mittel

DaN verzichtet darauf, sich bei den Behörden als Sozialwerk zu etablieren – und damit auch auf Subventionen. Die Leitenden wollen frei bleiben, auch Seelsorge zu üben und mit den Menschen über Glaubens- und Lebensfragen sprechen zu können. Sie möchten Muslimen, die dafür offen sind, die Bibel erklären und sie mit christlichen Verhaltensweisen bekannt machen. Diese Freiheit wiegt für Moser den Verzicht auf staatliche Mittel auf.
«Erstaunlicherweise kennen wir keinen Mangel an freiwilligen Mitarbeitenden», freut sich Moser. Erstaunlich, denn wer hier mitarbeitet, muss handfest anpacken, sensibel für Gespräche sein und mit Überraschungen – manchmal auch Überforderung – umgehen können. Doch die Stimmung am Dienstag-Mittagstisch nach der Gesprächs- und Verteilarbeit zeigt, dass die Arbeit den Helfern Befriedigung schenkt. «Es kann aber auch vorkommen, dass sich Menschen zu stark investieren und alles weggeben, was sie können – und dann feststellen, dass die Not der Welt immer noch gleich gross ist», berichtet der DaN-Leiter beim Mittagessen. Auch die Mitarbeitenden brauchen zuweilen den (seelsorgerlichen) Dienst am Nächsten.

Zuerst das Scheitern ...

Bevor Philemon Moser mit DaN starten konnte, erlebte er eine persönliches Scheitern beim Versuch, in Biel eine Vineyard-Gemeinde aufzubauen. Die schmerzliche Erfahrung führte ihn tiefer ins Gespräch mit Gott und ins Suchen nach seinem Willen. Gleichzeitig begann er, sich um Menschen in der Nachbarschaft zu kümmern, übernahm eine Vormundschaft, half Betagten bei der Steuererklärung oder Ausländern beim Verkehr mit Amtsstellen. Der weitere Weg führte schliesslich in die Arbeit in Ostermundigen – mit einem Ableger im Berner Kornhaus. Das Feuer brennt in Philemon Moser, der innerhalb des grossen «Hauses» der Vineyard Bern sichtlich seine Berufung gefunden hat.

Quelle: Chrischona-Panorama 3/2011

 Artikel: DaN - Dienst am Nächsten

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