- Integration und das Reich Gottes

Integration und das Reich Gottes

 Wäre es nicht schön, wenn in unserer Gesellschaft alle Menschen ganz gleich wären: gleich viel wert, gleich berechtigt, mit gleichen Chancen für Bildung und Beruf, und das alles unabhängig von Geld, Gesundheit, Genen und Geschichte?

Stefan Felber

Viele haben diese Vision, und manche gehen so weit, dass selbst die Geschlechtsunterschiede keine Rolle mehr spielen sollen. Die schlimmen Erfahrungen des Sozialismus, wo alle gleich und manche eben noch gleicher waren (Parteibonzen und Gewerkschaftsbosse mit höchsten Einkommen!) haben noch nicht dazu geführt, dass der Traum der Gleichheit ausgeträumt ist. Warum auch? Menschliche Vorstellungen von Gerechtigkeit können auf Gleichheit offenbar gar nicht verzichten.
 Mehr noch als unsere geschichtlichen Erfahrungen sollten wir die Bibel ein kritisches Wörtchen mitreden lassen! Zunächst einmal hat Gott ein Menschenpaar in einer wunderbaren Gleichwertigkeit und mit charakteristischen, je wunderschönen Unterschieden geschaffen. Als die Sünde überhand nahm, hat es ihm gefallen, Abraham den Leuten von Ur, Isaak dem Ismael, Jakob dem Esau, Josef seinen Brüdern, Mose anderen Möchtegernvermittlern und schliesslich Israel den Heiden vorzuziehen! Immer wieder aber stiess dieses Vorziehen («Erwählung») auf Widerspruch, ja Hass. Darum wage ich die These: Wo menschliche Vorstellungen von Gleichheit das Mass der Gerechtigkeit bilden, muss es zu Diskriminierung und Antisemitismus (d.h. Benachteiligung bes. der Juden bis hin zur Auslöschung) kommen. Wo «Egalité/Gleichheit» und «Fraternité/Brüderlichkeit» nicht von Gott her, sondern z.B. von einer sich als aufgeklärt verstehenden Vernunft definiert werden, werden die Ansprüche auf (religiöse, soziale) Besonderheiten einzelner Gruppen (Volkszugehörigkeiten, Besitzstände) nivelliert, mitunter grausam.
 Vielleicht ist Antisemitismus die urtümlichste Form von Diskriminierung; an ihr werden Spielarten anderer Feindschaften deutlich! Der Prophet Hesekiel führt in seiner Kritik an Israels Nachbarvölkern einiges vor, was auch zwischen anderen Völkern und Gruppen vorkommt: Da gibt es den irrationalen, emotionalen Antisemitismus der Ammoniter, die sich einfach am Leid in Israel freuten (Hesekiel 25,1–7), oder den rationalen, aufgeklärten Antisemitismus der Moabiter, die meinen, aus dem Unglück Israels den Schluss ziehen zu können, es sei nichts Besonderes um dieses Volk (25,8–10). Da gibt es den wirtschaftlichen Antisemitismus in Tyrus, wo man sich freut, den Konkurrenten Israel endlich übertrumpft zu haben, ihn ruiniert zu sehen (26,1ff.), und nicht zu vergessen die Rachsucht Edoms, wo man es nicht verwinden konnte, dass Jakob und nicht Esau den Segen des Erstgeborenen erhielt (25,12–14).

Eine Mauer um Gottes Volk im Alten Testament

Hier liegt der Kern: Gott hat den Einen gegenüber dem Anderen vorgezogen, und das kann für eine Vernunft, die Gerechtigkeit mit Gleichheit verwechselt, nur anstössig sein. Ebenso wird es anstössig, wenn ein Heide eine hochgetragene Nase eines Juden bemerkt, der im Bewusstsein seines Erwähltseins den Kontakt mit Zöllnern und Sündern meidet und immerhin den Eindruck erweckt, zu denken: Wir Juden müssen ja etwas Besonderes sein, sonst hätte Gott uns nicht erwählt – statt zu erkennen, dass es eben genau anders herum ist: die Juden sind etwas Besonderes, weil Gott sie erwählt hat.
 So steht und wächst eine Mauer zwischen den Juden und den anderen Völkern. Der Jude Mordechai konnte dem Agagiter Haman nicht huldigen, selbst wenn es Lebensgefahr bedeutete (Esther 3) – denn er gehörte zu dem «Volk, das abgesondert wohnt und sich nicht zu den Nationen rechnet» (4. Mose 23,9); dessen «Gesetz anders ist als das anderer Völker, und sie tun nicht nach des Königs Gesetzen» (Esther 3,8). Haman setzt die Konsequenz gleich dazu: «Es ziemt dem König nicht, sie gewähren zu lassen.» Das Resultat war der Versuch eines Völkermords.

Integrationsleistung am Kreuz

Erst vor dem Hintergrund dieser gegenseitigen Absonderung, die gar nicht tiefer sein könnte und bis heute weltweit wirksam ist (nicht nur im Nahostkonflikt!), wird deutlich, wie gewaltig die Integrationsleistung ist, die durch das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus möglich wird! An dieser Stelle müsste Epheser 2,11–20 ganz abgedruckt werden! Ich hebe nur wenige Stichworte für die Gnade heraus, die an den gläubigen Heiden wirkt: Sie macht aus Ausgeschlossenen Eingeschlossene (V. 12), aus Fernen Nahe durch das Blut Christi (V. 13), aus zweien macht Christus eins, denn Er ist unser Friede (V. 14), aus getrennten Körperteilen macht Er einen Leib (V. 15+16). Beide haben nun ein und denselben Zugang zum Vater, nämlich in dem einen Heiligen Geist (V. 18), so dass Heiden nicht mehr notdürftig geduldete Gäste und Fremdlinge sind, sondern Familienangehörige: Gottes Hausgenossen (V. 19), erbaut auf dem gleichen Grund der Apostel und Propheten (V. 20). Gemeinsam bilden sie einen heiligen Tempel (V. 21), eine Wohnung Gottes im Geist (V. 22).
 Der Vater im Himmel hat also seinen Sohn, den wahren Menschen, als Massstab der Gerechtigkeit eingesetzt. «Alles hat er unter seine Füsse getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist» (Epheser 1,22f.). Christus, konkret: seinem Wort und nicht einem aufgeklärten Christus- oder Liebes-Prinzip untertan sein, das führt Juden und Juden, Juden und Heiden, Heiden und Heiden zusammen (Johannes 1,12f.). Für alle gilt der gleiche Massstab. «Es ist hier kein Unterschied (!) zwischen Juden und Griechen», nämlich der Massstab von Römer 10,8ff.: «‘Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen.’ Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen. Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.»

Das Gravitationszentrum der Gemeinde
Dr. Stefan Felber ist Dozent am Theologischen Seminar St. Chrischona. Er unterrichtet Exegese des Alten Testaments, Biblische Theologie, Hebräische Lektüre und Geschichte Israels/ Einleitung ins Alte Testament. Sein besonderes Interesse gilt den Psalmen, dem Christuszeugnis des Alten Testaments und der Bibelübersetzung.

Hierin liegt zugleich das integrative und das bleibend desintegrative Element des Neuen Testaments bzw. der Gemeinde. Der Eintritt ist volks- und besitzunabhängig, aber bleibt vom Glauben abhängig, und der kommt aus dem Wort Christi (Römer 10,17). Darum verbinden Christen die Taufe mit einem biblischen Unterricht und einem persönlichen Bekenntnis (Konfirmation), und darum gibt es vor dem Abendmahl ein Bekenntnis unserer Schuld. Ohne diese nur scheinbar desintegrativen Momente fehlt der Gemeinde das Gravitationszentrum! Was sie für ihre Einheit sagt und tut, muss hier Mass nehmen, muss auf den Stifter der Einheit zurückweisen. Plakative Schlagworte wie «Offenheit», «Verlässlichkeit» oder «Beziehungskirche» allein bilden auf Dauer nur einen brüchigen Anker von Gemeinschaft. Beständigkeit gibt der Herr, der mit schwachen Menschen (Petrus!) eine Kirche bauen will, die nicht einmal von den Pforten der Hölle verschlungen werden kann.

Kann es eine christlich-fromme nationale Identität geben?

Nach dem aus Epheser 2 Erhobenen ist dies zunächst ein Widerspruch in sich selbst. Schweizerische, deutsche, türkische oder jüdische Christen müssen bereit sein, vorbehaltlos in der gleichen Gemeinde Gottes Wort zu hören und einander anzunehmen, wie Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes (Römer 15,7). Gerade diese im Kern der christlichen Religion geübte Toleranz wird sie befähigen, auch im politischen Bereich Angehörige anderer Nationen und Religionen als Menschen anzunehmen, die Gott auch liebt.
 Für viele Muslime hingegen ist nationale Identität eng mit ihrer Religion verknüpft. Ein christlicher Türke gilt als illoyaler Staatsbürger; Christen in muslimischen Ländern haben oft einen niedrigeren Status und müssen vielfach Benachteiligungen hinnehmen.
 Trotz allem sollte man vorsichtig sein, eine christlichfromme nationale Identität rundheraus abzulehnen. Sie ist meines Erachtens als geschichtlich gewachsene Identität zu akzeptieren. Haben Christen aus einer Mehrheitsposition heraus einmal Gesetze etabliert, die aus den guten Ordnungen Gottes gewachsen sind, so ist es um des Segens Gottes willen, der auf diesen Ordnungen liegt, falsch, diese nun wieder aufzugeben, wo sie in Frage gestellt werden.
 Einige machen es sich zu leicht, die Verknüpfung von Identität und Christentum abzulehnen. Man denke an die Schweizer Flagge mit dem Kreuz in der Mitte und frage sich, was mit der Mitte bei Wegnahme des Kreuzes passiert. Allzu leichtfertig trennen wir zwischen den demokratischen und den konfessionellen Traditionen Europas und sagen, solange nur unsere Gesellschaftsform bejaht werde, sei alles in Ordnung. Vergessen wir nicht, dass z.B. die demokratischen Strukturen der Schweiz aus der Kreuzesmeditation des Bruder Klaus von Flüe gewachsen sind, der die alten Eidgenossen vor dem Bürgerkrieg bewahrt hat. Seiner aus dem Evangelium erwachsenen Friedensordnung verdanken wir ein versöhntes Miteinander, das europaweit seinesgleichen sucht. Dieser Einsiedler war der geistige Vater einer Gemeinschaft, die sich wegen ihres Schwures im Namen des Dreieinigen Gottes «Eidgenossenschaft» nennt. Weisheit und Kraft für sein Friedenswerk hat er aus dem Segen geschöpft, von dem wir bei Paulus lesen. Im Takt der Stundengebete hatte er das Leiden Jesu meditiert. Nach Jahren der Versenkung in das Leiden Christi schrieb er 1482 an die Berner Ratsherren: «Ihr sollt das Leiden Gottes in euren Herzen tragen, denn das ist des Menschen grösster Trost an seinem letzten End.» Aus diesem Trost konnte einst zum Frieden und zu einer Ordnung des Respekts vor dem Anderen gefunden werden, für den Christus auch gelitten hat.
 Ob auch wir wieder davon ergriffen werden und umkehren können? Wir sollten jedenfalls nicht aufhören, daran zu erinnern, dass die europäischen säkularen Demokratien, wie es ein Verfassungsrechtler sagte, von Voraussetzungen leben, die sie selbst nicht schaffen können. Es lohnt sich, mit aller Kraft für eine soziale Ordnung einzustehen, die in solcher Meditation, solchem Schwur gründet.

Quelle: Chrischona-Panorama 3/2011

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