Missionsfreiheit in der Schweiz - Ein Recht fast ohne Einschränkungen

Missionsfreiheit in der Schweiz

Ein Recht fast ohne Einschränkungen

In der Schweiz gibt es garantierte Missionsfreiheit. Das Problem dabei: Garantien haben meist ein Verfalldatum.

 Um es gleich vorwegzunehmen: Die Missionsfreiheit ist in der Schweiz praktisch uneingeschränkt gewährleistet. Alle gängigen Arten des Missionierens und Evangelisierens, sei es mit Traktaten in den Briefkästen oder an den Haustüren, evangelistischen Gesprächen und Darbietungen in den Strassen, niederschwelligen Angeboten in besonderen Lokalen (Teestuben) oder auch grösseren Veranstaltungen in gemeindeeigenen Hallen, sind nach einhelliger Meinung von Kennern möglich und höchstens durch die allgemeingültigen Regeln zur Wahrung der öffentlichen Ordnung begrenzt. Einige Experten meinen sogar, dass die praktische Missionsfreiheit in der Schweiz noch grösser sei als in anderen westeuropäischen Ländern.

Missionieren ist Grundrecht


Für den Kirchenrechtler Pahud de Mortanges vom Schweizerischen Institut für Religionsrecht ist die in der Bundesverfassung im Artikel 15 verankerte Religionsfreiheit auch eine Garantie für die Missionsfreiheit. Religionsfreiheit umfasse nämlich auch das Recht, die religiösen Überzeugungen in Wort, Schrift, Bild oder Musik zu äussern. Dies umfasse auch die Freiheit für Propaganda für die eigene religiöse Überzeugung oder die Kritik an fremden Religionsüberzeugungen. «Man darf also auch werben, um neue Mitglieder zu gewinnen», sagt Pahud de Mortanges. «Die Missionsfreiheit ist ein Teilgehalt der Religionsfreiheit.» Die Haltung der Behörden und Gerichte gegenüber Missionsfreiheit habe sich in den letzten Jahren nicht verändert.

Heikle Exklusivität

Dennoch ist Missionsfreiheit - der Begriff kommt in der Verfassung oder in den Gesetzen so nicht vor - ein heikles Gut. Diskussionen darüber finden deshalb auch immer wieder statt. Die Schweiz lebt von einer langen Tradition der Toleranz, aber gerade Toleranz hat auch seine Schattenseiten. Peter Henning, Dozent am TDS Aarau, spricht in diesem Zusammenhang von dunklen Wolken am Horizont. Eine lang anhaltende liberale Beeinflussung habe vor allem den Absolutheitsanspruch ins Visier genommen. Wer sagt: «Christus ist der einzige Weg zu Gott», dem könne Intoleranz vorgeworfen werden. «Wenn in unserer Gesellschaft jemand mit dem Anspruch der Wahrheit auftritt, kann er in Zukunft beschnitten werden», meint Hennig. Insofern habe sich ja gerade auch in Deutschland anlässlich des Christivals gezeigt, dass eine Verkündigung auf grossen gesellschaftsrelevanten Konferenzen problematisch werden könnte.

Eine ähnliche Beobachtung macht auch der Religionssoziologe Olivier Favre vom «Observatoire des religions en Suisse». Ein christliches Zeugnis werde in der Regel recht positiv aufgenommen. Schwieriger sei es dagegen, eine absolute Wahrheit, diejenige von Christus als einzigem Erretter, zu proklamieren. Dies stosse oft auf Widerstand und erfordere Behutsamkeit und Besonnenheit, sagt Favre.

Kommunikativ und persönlich

Zoom
Peter Henning
Positiv gesehen verberge sich hinter den ablehnenden Reaktionen gegenüber solchem Absolutheitsanspruch auch die Angst vor Militanz und religiöser Manipulation, sagt Peter Henning. Er empfiehlt, diesem Dilemma mit einer besseren Verteidigung des Glaubens im Gespräch (Apologetik) zu begegnen. Er plädiere in diesem Sinne für eine Gesprächsmission, eine kommunikative Mission und eine persönliche Mission. Eine Missionsstrategie, die bewusst in der Lebenswelt des Gegenübers anknüpfe und dann im ebenbürtigen Gespräch im Idealfall zur finalen Einladung zu Christus führe, eine Mission, zu der auch die Diakonie gehöre.

Kleines Wörterbuch missionarischer Begriffe

Missionieren: Den Sendungsauftrag Gottes ausführen und den Kontakt zu ungläubigen Menschen suchen, um ihnen die Botschaft nahezubringen. Das Verb wird manchmal mit einem aufdringlichen Verhalten in Verbindung gebracht. Der Begriff darf in einigen nichtchristlichen Ländern nicht gebraucht werden.
Evangelisieren: Im Unterschied zu missionieren bezeichnet der Begriff das Verkünden der Botschaft innerhalb der eigenen kulturellen Grenzen. Das Wort ist unpräzise und beinhaltet ein breites Spektrum von Methoden. Seitdem die katholische Kirche von einer Neuevangelisierung spricht, ist der Begriff wieder gebräuchlicher geworden.
Proselyten machen: Der Begriff kommt aus dem Neuen Testament und bezeichnet Heiden, die für das Judentum gewonnen wurden. Das Wort gilt unter missionarisch Gesinnten als sektiererisch und verpönt. Es bezeichnet aber ziemlich genau die Tatsache, andere Menschen mit Verkündigung und propagandistischen Methoden zu Gläubigen zu machen. 
Zeugnis geben: Das Wort «témoigner» ist bei französischsprachigen Christen beliebt. Es ist ähnlich wie der Begriff «evangelisieren» eher verwässert und braucht Präzisierungen, wenn es um den Ausschliesslichkeitsanspruch von Jesus Christus geht.
Link zum Thema: Interview mit Evangelisations-Experte Helmut Kuhn
Datum: 24.07.2008 
Autor: Thomas Hanimann
Quelle: ideaSpektrum Schweiz

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