- Rettung aus Seenot

Rettung aus Seenot

In gefährlichen Gewässern


Am 15. Juni 1979 verliess ich Vietnam, zusammen mit meiner Frau und unserem siebzehn Monate alten Sohn. Wir waren 336 Passagiere, die eng zusammengedrängt in dem kleinen Boot von 3 m Breite und 16 m Länge sassen. Zwei Tage später wurden wir von Seeräubern angegriffen. Uns wurde fast alles geraubt: Kleider, Ausweise, Diplome. Beim Angriff wurde unser Boot von den zwei grossen Schiffen der Seeräuber eingeklemmt und bekam einen Riss. Als die Räuber sich endlich entfernt hatten, war es Nacht, und Wasser begann in unser Boot einzudringen.

Aus tiefer Not schrei' ich zu Dir ...
In dieser aussichtslosen Situation beteten meine Frau und ich zu Gott um Errettung. Wir wussten nicht, wie der Herr uns erretten würde, aber wir glaubten es.


Etwa um acht Uhr abends sahen wir von ferne ein Licht. Alle Leute glaubten froh, es handle sich um ein grosses fremdländisches Schiff. Aber als dieses Schiff näher kam, sahen wir, dass es eines der Räuberschiffe vom Nachmittag war! «Euer kleines Boot kann unmöglich längere Distanzen fahren, und laut Radio kommt morgen Abend ein Sturm auf», erklärte uns einer der Seeräuber. Danach liessen sie alle Frauen und Kinder und die ältesten Männer auf ihr Schiff umsteigen und schleppten unser Boot bis zum frühen Morgen in den etwas geschützteren Golf von Thailand zurück. Dann liessen sie alle unsere Leute wieder auf das Boot zurückkehren und fuhren weg.

Rettung


Einige Stunden später wurden wir von einem ausländischen Ölförderungsschiff gerettet. Als alle 336 Passagiere, Korb um Korb voll, heraufgezogen waren, sahen wir unser kleines Boot zum letzten Mal. Es war voll von Wasser und versank langsam in der Tiefe. In jener Nacht kam ein heftiger Sturm auf. Hohe Wellen schlugen auf das Deck. Nach dem Sturm brachte uns das Schiff nach Malaysia. Am 23. Juni 1979 trafen wir auf der malaysischen Insel Pulau Tengah ein. Dort war ein Lager mit rund neuntausend Flüchtlingen, etwa vierzig davon Gläubige.


Neun Monate verbrachten meine Frau und ich mit unserem kleinen Sohn auf der Insel. Das ist eine vergleichsweise kurze Zeit. Einige Flüchtlinge warteten gegen drei Jahre bis zur Ausreise aus Pulau Tengah. Jede Woche machte ein Team von Vertretern des UNO-Hochkommissariats für das Flüchtlingswesen in Genf (HCR) Interviews mit den Flüchtlingen. Inzwischen hatten wir erfahren, dass Verwandte von uns, so auch meine Schwiegermutter, in der Schweiz Asyl gefunden hatten. Sie hatten Vietnam später als wir verlassen und waren auf wunderbare Weise gerettet worden. Schliesslich wurden wir von der Schweizer Vertretung als Flüchtlinge anerkannt und durften auch in dieses Land einreisen.


Am 11. März 1980 landeten meine Familie und 37 andere Vietnamesen, total also vierzig Flüchtlinge, im Flughafen von Zürich. Weiter ging's nach Menzingen (ZG) in ein Integrationszentrum. Eine Woche später kamen wir nach Wolhusen (LU), um dort Deutsch zu lernen. Drei Monate später, am 20. Juni 1980, wurde meine Familie der Gemeinde Biel zugeteilt, wo wir bis heute wohnen. Einige Monate nach unserer Ankunft wurde unser zweiter Sohn geboren.

Neue Heimat


An der Universität Neuenburg konnte ich während eines Jahres Informatik studieren und arbeitete dann als Programmierer. Gleichzeitig suchten meine Frau und ich in den Telefonbüchern unserer neuen Heimat nach vietnamesischen Namen und schickten ihnen christliche Literatur, die wir in unserer Freizeit bei uns zu Hause kopiert hatten. In jenen Tagen gab es nur wenige Gläubige unter den etwa achttausend Vietnamesen, die in der Schweiz in verschiedenen Kantonen zerstreut lebten. Durch unseren privaten «Literaturversand» kamen wir mit immer mehr Menschen in Kontakt, die sich für das Evangelium zu interessieren begannen.


Bereits in Vietnam, im Oktober 1975, hatte ich den Herrn Jesus als meinen Erlöser angenommen. Meine Frau war ebenfalls gläubig. Von 1986 bis 1990 machte ich nebenberuflich beim «Theologisch-Vietnamesischen Institut» in Wetzlar (D) auf dem Korrespondenzweg eine theologische Ausbildung als evangelischer Pastor. Am 16. Juli 1990 wurde ich von der «Evangelisch-Vietnamesischen Gemeinde in Europa» als Pastor ordiniert, und zwar in Fiesch (VS), anlässlich der sechsten Jahreskonferenz.

Vollzeitlicher Dienst


Nach und nach dachte ich darüber nach, ob Gott uns in den vollzeitlichen Dienst berufen wollte. Ein Traum, in dem ich von Dorf zu Dorf ging, um zu evangelisieren, sowie das Einverständnis meiner Frau gaben mir den Mut für diesen Schritt. Ich begann, Stellenbewerbungen an evangelische Werke und Organisationen in der Schweiz zu schreiben. Im Oktober 1990 kündigte ich meine Stelle, ohne zu wissen, wo Gott mich haben wollte.


Der Rest ist schnell erzählt. Ab 15. April 1991 wurde ich mit einer üblichen Probezeit als fester Mitarbeiter bei MEOS Svizzera angestellt. Der Dienst unter Vietnamesen durfte unter Gottes Gnade wachsen. Heute betreue ich Gemeinden und Versammlungen in Lausanne und Fribourg, dann in Aarau, Genf und St. Gallen.

Ausblick


Vor 26 Jahren sind wir in die Schweiz gekommen. Die Zeit verging nur zu schnell. Nun bin ich schon 53 Jahre alt! Heute möchte ich das Gleiche sagen, wie Frau Hedwig von Redern (1866-1935) es in einem ihrer bekanntesten Lieder geschrieben hat:
«Ich habe nur ein Leben, und das gehört dem Herrn, ihm der es mir gegeben, geb' ich es froh und gern!»


Ngô Bá Tao

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