- Bunte Inseln in der Kirchenlandschaft

Bunte Inseln in der Kirchenlandschaft

Es gibt heute hunderte von Migrationsgemeinden in der Schweiz. Einwanderer gründen offenbar lieber eine neue Kirche, als sich einer bestehenden Schweizer Gemeinde anzuschliessen. Warum?

Johannes Müller: Die Geschichten, die ich von afrikanischen Gemeindeleitern höre, sind sich meist sehr ähnlich. Alle haben am Anfang versucht, sich einer Gemeinde anzuschliessen, dann aber irgendwann gemerkt, dass es nicht ganz passt. Als die Anzahl der Afrikaner in der Schweiz in den 1990er-Jahren stark zugenommen hat, haben sich dann jeweils mehrere aus einem Land, oder demselben Teil Afrikas, zusammengetan und ihre eigene Gemeinde gegründet. Neueinwanderer sind dann direkt mit diesen Gemeinden in Kontakt gekommen.

Samuel Kopp: Bei den Latinos ist die Situation ähnlich. Man wünscht sich eben eine vergleichbare Kirche wie im Heimatland. Man sucht in der Gemeinde das Heimatgefühl: «In dieser Kirche bin ich zu Hause.» Auch die Muttersprache spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Bleiben diese Gemeinden dann weitgehend unter sich, oder werden Begegnungen mit Schweizern und Schweizer Gemeinden gesucht?

Samuel Kopp: Viele bleiben unter sich, wobei sie sich eigentlich den Kontakt wünschen würden. Ob sie diesen aktiv suchen, ist eine andere Frage. Sie ecken eben auch immer wieder mal an. Das Evangelium, das diese Menschen etwa aus Lateinamerika mitbringen, wird so unterschiedlich gelebt und empfunden, dass beide Seiten sich manchmal fragen: «Ist das überhaupt das gleiche Evangelium?» Das macht diese Begegnungen sehr anspruchsvoll. Die Kirchenkultur ist teilweise ebenfalls komplett anders.

Johannes Müller: Die meisten afrikanischen Gemeindeleiter haben die Vision, Schweizer zu erreichen und möchten in diesem Sinne auch wahrgenommen werden. Der Wunsch ist auch da, mit Schweizer Gemeinden gemeinsam aufzutreten. Die konkreten Kontakte sind dann letztlich meist sporadisch.

Natürliche Kontakte entstehen dort, wo internationale und Schweizer Gemeinden sich Räumlichkeiten teilen. Aber genau das sind auch schwierige Situationen. Fragen wie Ordnung, Sauberkeit und Lärmbelastung werden zentral. Das kann auf beiden Seiten Frustration schaffen.

Erleichtern Migrationskirchen die Integration in die Gesellschaft, oder bewirken sie das Gegenteil?

Johannes Müller: Es ist eine eigenartige Mischung von beidem. Für die Einwanderer ist so eine Kirche oft der einzige Hafen, den sie haben. In ihrer Kirche finden sie Leute, die sie verstehen. Das gibt Sicherheit und sie bekommen Beratung. In diesem Sinn helfen ihnen die Gemeinden, dass sie sich hier zurechtfinden können. Die Frage ist, was dann mittelfristig passiert. Wenn man sich nur in diesem Kreis bewegt und die Sprache wenig lernt, kann es auch ins Gegenteil kippen.

Samuel Kopp: Von mir aus gesehen haben diese Gemeinden ein gros-ses Integrationspotenzial. Für mich ist das einer der wesentlichen Gründe, warum ich mich für die AGiK einsetze. Internationale Gemeinden wirken wie sichere Häfen, von wo aus man agieren kann. Sie helfen mit der neuen Situation umzugehen. Im schlechten Fall können die Gemeinden aber auch zur Abschottung von der Gesellschaft führen.

Haben Migrationskirchen einen Einfluss auf die Kirchenlandschaft in der Schweiz?

Johannes Müller: Mir fällt auf, dass viele Schweizer Gemeindeleiter sehr überrascht feststellen, wie viele von diesen Gemeinden es eigentlich gibt und wie aktiv sie sind. Das heisst also, die Wahrnehmung ist überraschend gering. Und wenn die Wahrnehmung schon nicht da ist, dann ist auch der Einfluss nicht da. Manche Gemeinden wagen es aber, Schritte zu machen. Sie versuchen, etwas gemeinsam zu gestalten. Der Austausch, etwa in einer lokalen evangelischen Allianz, wird oft als spannend und bereichernd erlebt. Mit der weltweiten Migration, die in diesem Mass völlig neu ist, wird so der weltweite Leib Christi lokal erlebbar und sichtbar.

Samuel Kopp: Schlussendlich ist die Tatsache der Migration ein Faktum, das Gott in Europa und in der Schweiz geschaffen und geschenkt hat. Es wird leider noch viel zu wenig zur Kenntnis genommen. Die Thematik der Einwanderung ist stark vom Islam geprägt, obschon von den 1,5 Millionen Ausländern in der Schweiz eine Million katholisch sind. Von daher muss es eines der grossen Ziele der AGiK sein, dass diese Einwanderer wahrgenommen werden und eine Stimme bekommen.

Was sind die Ziele der AGiK-Arbeit? Worauf arbeitet sie hin?

Samuel Kopp: Wir merken einfach, dass wir immer noch am Anfang sind. Es muss eine Sensibilisierung stattfinden. Die internationalen Gemeinden haben oft keine Ahnung, was bei uns passiert und wir haben keine Ahnung, was bei ihnen passiert. Da versuchen wir Modelle der Zusammenarbeit zu entwickeln und mit ihnen gemeinsam unterwegs zu sein, um das Potenzial, das Gott geschenkt hat, für beide Seiten besser zu nutzen.

Johannes Müller: Als ich vor sechs Jahren anfing bei der AGiK mitzuarbeiten, funktionierte die Vernetzung von Schweizern, die interkulturelle Aktivitäten entwickeln, schon recht gut. Es gab eine gegenseitige Stimulierung und einen Erfahrungsaustausch. Seither ist die AGiK einige Schritte auf ihr Ziel zugegangen, dass Schweizer und internatio-nale Christen gemeinsam aktiv werden. Wir versuchen die Einheit erlebbar zu machen, zum Beispiel durch die «Celebration» in Zürich.

Wie können Migrationsgemeinden und Schweizer Gemeinden mehr voneinander profitieren?

Samuel Kopp: Die grosse Herausforderung ist die Kontextualisierung. Weil das Evangelium so anders gelebt wird, ist es schwierig zu merken, dass wir uns viel zu geben haben. Die Ausländer in der Schweiz sind ja nicht nur ein Missionsfeld, sie sind auch eine Missionskraft. Wir haben einander viel zu geben in der Evangelisation, im Gebet, im Lesen der Bibel. Es braucht einfach von beiden Seiten die Bereitschaft, ein Lernender zu sein und einen Weg miteinander zu gehen.

Johannes Müller: Die «exotischen» Kulturen haben ein grosses Anziehungspotenzial. Die Musik aus dem lateinamerikanischen Raum oder dem afrikanischen Raum zieht Menschen an. Ich bin jedes Jahr an der Organisation eines afrikanischen Konzerts in Winterthur beteiligt. Es gibt wohl keinen anderen christlichen Anlass, zu dem man so einfach Leute einladen kann. Der Reiz des Exotischen ist positiv. Wenn so eine Zusammenarbeit stattfindet, dann ist das zudem ein Signal an die Gesellschaft: Da können Leute aus total verschiedenen Hintergründen etwas gemeinsam tun und die Verbindung liegt im gemeinsamen Glauben.

Was ist nötig, damit die Kirchen aufeinander zugehen?

Samuel Kopp: Es braucht einzelne Menschen, die sich als Brückenbauer verstehen, wie etwa der Co-Leiter der AGiK, Carl Hardmeier. Wichtig sind auch die Secondos. Sie können eine Vermittlerfunktion einnehmen.

Johannes Müller: Ich habe bei Begegnungen immer wieder erlebt, dass auf beiden Seiten grosse Aha-Erlebnisse stattfinden. Wenn Kulturen einfach so aufeinanderprallen, dann weiss man gar nicht, was die andere Seite erwartet. Man muss sich bewusst werden, dass die Verschiedenheiten gross sind. Es geht eigentlich nur, wenn man sich seiner eigenen Kultur bewusst wird und auch der des Gegenübers. Dann muss man Schritte auf den anderen zugehen. So ein Prozess braucht aber Zeit und ist mit Aufwand verbunden.

Was ist ihre persönliche Motivation in der interkulturellen Arbeit?

Johannes Müller: Für mich liegt eine zentrale Motivation in den Verheissungen der Bibel. Jesus ist der Retter der ganzen Welt. In der Offenbarung werden immer wieder die verschiedenen Völker mit einer eigenen Identität erwähnt, aber es gibt keine Trennung mehr. Das Spannende in unserer globalen Welt heute ist, dass Menschen aus ganz verschiedenen Hintergründen sich lokal begegnen. Meine Motivation ist, dass etwas von dieser grossen Zielrichtung Gottes heute schon sichtbar und erlebbar wird. Für mich ist es etwas ganz Besonderes, wenn ich merke, dass sich ein Afrikaner verstanden fühlt, weil wir die gemeinsame Verbindung in Jesus haben. Oder umgekehrt, wenn Schweizer plötzlich merken: «Das ist ja sagenhaft, dass Menschen sich so begegnen können.»

Samuel Kopp: Mich motiviert das Potenzial, das ich für die Integration sehe. Ich sehe die Migrationskirchen als etwas, das Gott geschaffen und geschenkt hat. Auch missionsgeschichtlich ist es interessant: Christen kommen zurück aus den Ländern, die wir evangelisiert haben. Das ist auch ein Zeichen. Wenn man hört: «Eure Vorfahren haben uns das Evangelium gebracht und wir bringen jetzt etwas davon zurück.» Die grossen Linien sind begeisternd, deren Umsetzung ist aber anspruchsvoll.

 

Zu den Personen

Johannes Müller gehört zum Leitungsteam der AGiK (Arbeitsgemeinschaft interkulturell der Schweizerischen Evangelischen Allianz) und wohnt in Winterthur. Er ist verheiratet mit Barbara und hat fünf Kinder. 14 Jahre lang war er in der Leiterausbildung in Guinea (Westafrika) mit der Schweizer Allianz Mission tätig. Seit sechs Jahren baut er mit Barbara den «African Link» auf, einen Dienst mit afrikanischen Gemeindeleitern und ihren Mitgliedern in der Schweiz, der bei MEOS assoziiert ist.

Samuel Kopp ist gemeinsam mit Carl Hardmeier Co-Leiter der AGiK. Mit seiner Frau Annagreth hat er zwei erwachsene Kinder. Acht Jahre lang arbeitete er in der theologischen Ausbildung in Kamerun. Heute ist er Ausländerpastor in der Arche Winthertur und teilzeitlich in der theologischen Ausbildung in Benin engagiert.

 

Stimmen zum AGiK-Fest «Colors of Worship»

«Ich wohne seit 18 Jahren in der Schweiz. Sie ist meine zweite Heimat geworden. Gott bedeutet mir alles und es ist mir wichtig, dass ich ihn in meiner Gemeinde in der Sprache anbeten kann, in der ich ihn kennengelernt habe. Es gibt viele Kirchen hier, aber sie sind oft leer. Ich wünsche mir, dass auch in der Schweiz wieder mehr Leute in die Kirche gehen.»
Guerda Schlatter do Nascimento
aus Brasilien (30), Greifensee ZH

«Ich bin erst seit September in der Schweiz und es gefällt mir gut. Ich ging eine Zeit lang ins ICF und gehe jetzt in eine afrikanische Gemeinde, weil ich dort im Lobpreisteam singe und weil Englisch gesprochen wird. Für uns, die wir neu im Land sind, ist das grösste Problem die Sprache. Die Integration muss irgendwo anfangen und dabei hilft mir meine afrikanische Gemeinde. Ich wünsche mir, dass die Kirchen mehr zusammenarbeiten.»
Peter Adhola
aus Kenia (29), Bülach ZH

«Ich bin der Leiter der 'Oikos Tamil Church' in Zürich. Wir haben tamilische und indische Gemeindemitglieder. Die tamilischen Gemeinden gibt es seit 1991 und inzwischen an sieben verschiedenen Orten in der Schweiz. Wir reden mit tamilischen Migranten über Jesus, geben ihnen Bibeln und helfen ihnen. Jeden Freitag beten wir auch für die Schweiz und dass die Leute hier Christen werden.»
R. Mahendran
aus Sri Lanka (52), Niederweningen ZH

«In der Schweiz bin ich bereits seit 35 Jahren und fühle mich sehr gut integriert. Obwohl ich gut Deutsch spreche, höre und rede ich gerne von Gott in meiner Muttersprache. Mit meinen Landsleuten zusammenzusein und über Gott zu sprechen, bedeutet für mich ein Stück Heimat. Das ist für mich sehr wichtig. Aber ich gehe auch gerne in eine Schweizer Kirche oder einen ökumenischen Gottesdienst, weil wir in Gott alle zusammengehören.»
Soonja Kim
aus Korea (54), Freiburg FR

Author: Christof Bauernfeind
Quelle: IDEA

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