Interkulturelle Kontakte bringen Veränderungen - Drei Gemeinden, viele Nationen

Interkulturelle Kontakte bringen Veränderungen

Drei Gemeinden, viele Nationen

Die Kirchen in der Schweiz werden bunter. Szene aus der Agik-Celebration.


Die FEG Sulgen, die City Church in Zürich und die Vineyard- Gemeinde Aarau pflegen bewusst interkulturelle Kontakte und Aktivitäten. Wie hat das die Gemeinden verändert, wo liegen die Herausforderungen?

VON: CHRISTOF BAUERNFEIND, IDEA SPEKTRUM 2014-19

FEG Sulgen: Es wird eine Weite erlebbar

Zur Freien Evangelischen Gemeinde (FEG) Sulgen TG gehören seit langem Menschen aus ganz unterschiedlichen Nationalitäten. Viele von ihnen sind durch interkulturelle Ehen zur Gemeinde gestossen. Dazu gehören Deutsche und Italiener, aber auch ­Spanier, Portugiesen und weitere Nationalitäten. Die Gemeinde entschied sich rund um den Neubau 1985 dazu, drei Übersetzungsboxen einzurichten. Je nach Bedarf wird der Gottesdienst in Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch oder auch Schriftdeutsch übersetzt. "Das führte weitere Menschen aus der Region zu uns, die einen Gottes­dienst in einer bestimmten Sprache suchten", erklärt Pastor Martin Keller. "Mittlerweile durften wir schon Menschen aus 35 bis 40 verschiedenen Nationen in unseren Gottesdiensten willkommen heissen."

In den Jahren 2011 und 2012 veranstaltete die Gemeinde einen Flohmarkt auf ihrem Gelände, der besonders von Migranten gut besucht wurde. Im Anschluss entstand ein spezielles "Integrationsteam", das die Kontakte zu fremdsprachigen Personen pflegt. Das Team organisiert alle zwei Monate einen sogenannten Nationentreff. Im Vordergrund steht die Begegnung: Mauern abzubauen und das Miteinander mit Menschen anderer Kulturen zu suchen und zu unterstützen. Jeder Anlass steht unter einem bestimmten Thema. Mal ist es Spiel und Spass, dann steht die Weihnachtsgeschichte im Mittelpunkt, beim "Schweizer­abend" spielte jemand Alphorn. An diesen Abenden treffen sich regelmässig zwischen 50 und 60 Personen aus 10 bis 15 verschiedenen Nationen. Zusätzlich findet einmal im Jahr ein Nationen-Sonntag statt. Nach einem gemeinsamen Gottesdienst gibt es am "Nationenbuffet" Spezialitäten der verschiedenen Herkunftsländer. Angedacht sind auch Sprachkurse oder mehrsprachige Glaubenskurse. Die Gemeinde sieht sich in ihren interkulturellen Bemühungen noch am Anfang. Die verschiedenen Mentalitäten verlangen Flexibilität. Dennoch findet Martin Keller: "Auch wenn der Gottesdienst mehrheitlich von unserer Kultur geprägt ist, ist doch eine Weite erlebbar, in dem Bewusstsein, dass wir alle Brüder und Schwestern im Herrn sind."

 Reger Austausch am „Nationenbuffet“. Rechts: Martin Keller, Pastor der FEG Sulgen


City Church Zürich: Wir können nicht allen gerecht werden

Die City Church ist in Zürich im Kreis 4 lokalisiert, einem Quartier mit einem Ausländeranteil von über 40 Prozent. Da ist es nur natürlich, dass interkulturelle Kontakte entstehen. Die Zusammensetzung der rund 170 Zugehörigen widerspiegelt in etwa die Zusammensetzung der Bevölkerung. Die Gemeinde ist gerade auch für Südamerikaner attraktiv. "Unsere Celebrations sind charismatisch geprägt, mit Lobpreis und Gebet. Das spricht die Leute an. Wir haben eine herzliche Atmosphäre und suchen den Kontakt", sagt Pastor Hansjörg Stadelmann. Dennoch hat man die Erfahrung gemacht, dass sich die Migranten anfangs nicht stark integrierten. "In einer ersten Phase haben wir uns speziell um die Migranten bemüht. Aber die Kontakte sind meist an der Oberfläche geblieben und wir konnten ihren Bedürfnissen nicht gerecht werden." Die Gemeinde hat sich dann bewusst dazu entschieden, "sich selbst" zu bleiben und keine speziellen Angebote für verschiedene Kulturen aufzubauen. "Wir haben einfach gemerkt, dass es uns überfordert, allen gerecht zu werden", so Stadelmann. Inzwischen sind etliche Latinos dazugestossen, die explizit formuliert haben, dass sie in eine Schweizer Gemeinde gehen wollen, um sich zu integrieren. Die Predigten in der City Church werden weiterhin auf Schweizerdeutsch gehalten, es werden aber Simultan­übersetzungen angeboten. Die Gemeinde bietet auch einen "Schwyzerdütsch-Kurs" an.

Man hat die Erfahrung gemacht, dass sich die Migranten nun viel besser in der Gemeinde integrieren. "Wir treffen ihre spirituellen Bedürfnisse, und das in einer Schweizer Kultur." Die Kleingrupppen der Gemeinde sind teilweise sehr durchmischt, eine besteht aus sieben Nationen. Ein monatlicher Latino-Treff ist entstanden. Auch Tamilen, Afrikaner, Russen und weitere Nationalitäten besuchen die Gottesdienste, die "Celebrations". Es werden gemeinsame Feste veranstaltet mit den verschiedenen Landes-Spezialitäten. "Es sind keine Fronten zwischen den verschiedenen Kulturen, sondern man freut sich an den gegenseitigen Kontakten. Es findet eine wachsende Durchmischung statt", so Stadelmann. Dass so verschiedene Kulturen zusammenkommen, bereichere das Gemeindeleben. "Es gibt Kraft und Mut und steigert den Selbstwert des Einzelnen und die Akzeptanz in der Gesellschaft. Ich hoffe, dass es bald mehr prägende Exponenten mit Migrationshintergrund in unserer Gemeinde gibt", betont Hansjörg Stadelmann.

Gemeinsame Feste feiern in der City Church. Rechts: Pastor Hansjörg Stadelmann. 


Vineyard Aarau: Integration ist kein Ziel in sich selbst

Die Vineyard-Gemeinde in Aarau ist elf Jahre alt. Seit mehr als drei Jahren gehört zur Gemeinde eine Gruppe von Eritreern. "Wir verstehen uns als eine Gemeinde mit verschiedenen Gemeinschaften. Wir teilen nicht nur die Gemeinderäume. Administration, Anstellungen und wichtige Entwicklungen erfolgen gemeinsam", erklärt Pastor Boris Eichenberger. Trotzdem feiert man getrennte Gottesdienste, wobei es das Ziel ist, ein gemeinsames Kinderprogramm aufzubauen. Einen ersten Schritt in diese Richtung ist man schon gegangen, indem die Teenager-arbeit zusammengelegt wurde. "Wir versuchen, möglichst viel gemeinsam zu machen: Taufen, Grillfeste, einige Gottesdienste und Gebetstreffen", so Eichenberger. "Man muss immer wieder neu herausfinden, was funktioniert. In welchen Bereichen das gemeinsame Angebot sinnvoll ist, kann man nicht pauschal sagen." Gerade das Teilen der Räume verläuft nicht immer ohne Reibungen.

"Die zwei grössten Kritikpunkte sind die Ordnung in den gemeinsamen Räumen und die Lautstärke bei Gebet und Worship." Eine hohe Frusttoleranz sei oftmals nötig. "Wir suchen aber pragmatische Lösungen. Bei der Technikanlange haben wir nicht lange zugeschaut: Wir arbeiten nun mit zwei getrennten Anlagen." Für Eichenberger ist es selbstverständlich, dass christliche Gemeinden im Einwanderungsland Schweiz auch interkulturell aktiv sind. "Das Reich Gottes umfasst nicht nur die Schweizer Mittel­klasse. Wenn man das eigene Herz für andere Kulturen öffnet, dann werden die unterschiedlichsten Menschen kommen." Doch das müsse auf Leitungsebene beginnen und es gelte abzuwägen, was realistisch sei. "Tedros, der Leiter der Eritreer-Gemeinschaft, und ich sind Freunde. Wir tauschen regelmässig aus, predigen gegenseitig in den jeweiligen Gottesdiensten!" Die andere Kultur habe uns auch viel zu geben. "Sind sie für uns Partner auf Augen­höhe?", fragt Eichenberger. "Wir gehen meist davon aus, dass unsere eigene Kultur eher einer 'Reich-Gottes-Kultur' entspricht als die andere."

Eichenberger ist überzeugt: "Kulturelle Unterschiede wird es immer geben. Jede Kultur trägt etwas von Gott in sich und so tun wir gut daran, aufeinander zuzugehen und voneinander zu lernen.? Integration sei aber gleichzeitig kein Ziel in sich selbst. "Das Ziel ist es, christus­zentrierte Gemeinschaft zu leben und das Reich Gottes sichtbar zu machen. Ich bin viel mehr daran interessiert, dass die eritreische Gemeinschaft Menschen befähigt Christus nachzufolgen und das Evangelium weiterzu­geben, als dass wir die beste integrierte Gemeinde haben." Je mehr man sich dabei jedoch gegenseitig helfen könne, desto besser.

Zur Vineyard in Aarau gehört eine eritreeische Gemeinschaft. Pastor Boris Eichenberger (re.). 

 

 

Author: Christof Bauernfeind
Quelle: ideaSpektrum Schweiz

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