Wie interkultureller Gemeindebau gelingen kann - "Zum Leib Christi gehören alle"

Wie interkultureller Gemeindebau gelingen kann

"Zum Leib Christi gehören alle"

 

Johannes Müller: "Im Kontakt mit Christen aus anderen Kulturen haben wir den Vorteil, dass unsere Grundlage dieselbe ist. Wir glauben an denselben Gott, wir haben die gleiche Bibel."

Die kulturelle Vielfalt in der Schweiz ist gross. Doch Schweizer Gemeinden bleiben oft unter sich und Migranten gründen eigene Gemeinden. Johannes Müller erklärt, wie interkultureller Gemeindebau gelingen kann.

VON: CHRISTOF BAUERNFEIND, Idea Spektrum 2014-19

35 Prozent der Bewohner der Schweiz haben einen Migrationshintergrund. Ist diese Realität den Schweizer Gemeinden genügend bewusst?

Man kann sich dieser Realität nicht verschliessen, wenn man in der Schweiz Gemeinde bauen will. Aber ich habe tatsächlich den Eindruck, dass diese Frage noch nicht so stark ins Bewusstsein eingedrungen ist, wie im Alltag und in der Berufswelt. Das liegt auch daran, dass der grösste Teil der Migranten katholisch geprägt ist oder einen anderen religiösen Hintergrund hat. Von den eingewanderten evangelischen Christen treffen sich einige in eigenen Gemeinden. In den schweizerisch geprägten Gemeinden sind nicht viele Migranten präsent. Dazu kommt das aktuelle politische Klima, das dieses Thema an den Rand drängt.

Nun zersplittert sich die schweizerische Kirchenlandschaft immer mehr. Es scheint schon schwierig zu sein, innerhalb der eigenen Kultur eine gewisse Einheit zu schaffen. Wie realistisch ist die Einheit, wenn nun auch noch andere Kulturen dazustossen?

Von selbst entsteht sie kaum. Aber wenn wir merken, dass uns der Glaube an Jesus trotz vielfältiger kultureller Ausdrucksformen verbindet, und wenn wir Kontakte fördern, dann wird eine weltweite Dimension von Einheit lokal erlebbar. Das stimuliert auch die Zusammenarbeit in anderen Bereichen. Für viele internationale Gemeinden ist zum Beispiel der Röstigraben in der Schweiz weniger spürbar, weil sie mit Christen aus ihrer Kultur auf beiden Seiten verbunden sind. Das hat dazu geführt, dass nun auch die Schweizerische Evangelische Allianz und das Réseau évangélique suisse im Migrationsbereich verstärkt zusammenarbeiten und eine gemeinsame Arbeitsgruppe haben, die AGiK.

Welche Erfahrungen machen Personen aus einem anderen Kulturkreis, wenn sie in eine Schweizer Gemeinde kommen?

In vielen Schweizer Gemeinden konzentriert man sich auf kirchendistanzierte Schweizer. Sie sollen erst einmal diskret schauen können, was da so läuft. Deshalb passt man auf, Gästen nicht zu nahe zu treten. Diese diskrete Art ist für viele Menschen aus südlicheren Kulturen ungewohnt, sie fühlen sich nicht willkommen. Wenn sie umgekehrt zu stark ausgefragt werden, fühlen sie sich eher wie bei einer Behörde denn in einer Gemeinde.

Was muss eine traditionelle Schweizer Gemeinde tun, wenn sie Migranten ansprechen will?

Wir können fremden Menschen besser begegnen, wenn uns bewusst wird, wie stark wir selbst von unserer eigenen Kultur geprägt sind. Dieses Bewusstsein schafft Offenheit, auf anders geprägte Menschen zuzugehen. Der Kontakt ist dann nicht mehr verunsichernd, sondern eine interessante Entdeckung. So kann sich eine Willkommenskultur entwickeln: sich bewusst überlegen, wie man auf Menschen zugehen kann und Gastfreundschaft ausleben, bei der Herzen und Häuser geöffnet werden.

Welche konkreten Massnahmen muss man treffen?

Sehr viel läuft über Kontakte. Es ist wichtig, den Kontaktschienen nachzugehen, die schon da sind. Das kann durch eine geografische Situation gegeben sein, wenn etwa ein Asylzentrum gleich nebenan ist. Ein guter Kontaktpunkt sind Feste. Leider feiern wir unsere wichtigsten religiösen Feste hauptsächlich in der Familie. Wir können unsere Feste öffnen, zum Beispiel an Weihnachten eine Feier mit Essen in der Gemeinde anbieten oder jemanden zu uns einladen. Es ist auch wichtig, selber Feste von Mi-granten zu besuchen.

Sie beschreiben drei verschiedene Modelle: mono-, inter- und multikultureller Gemeindebau. Stehen diese drei Gemeindemodelle gleichberechtigt nebeneinander?

Oft haben Gemeinden eine ganz spezifische Zielgruppe. Wenn man eine bestimmte kulturelle Prägung im Blickfeld hat, entsteht eine monokulturelle Gemeinde. Das heisst nicht, dass man verschlossen ist, aber die eine Kultur steht klar im Vordergrund.

Interkulturelle Gemeinden schlagen bewusst Brücken zu Menschen aus verschiedenen Kulturen. Die Einheit wird sehr stark betont. Normalerweise haben diese Gemeinden dennoch eine kulturelle Prägung, oft ein Gemisch aus der Kultur des Gemeindeleiters und der des Gastlandes. Voraus­setzung zur Mischung ist eine gemeinsame Sprache. Sie ermöglicht es, dass sich die Menschen eins zu eins begegnen können.

Eine andere Möglichkeit ist es, unter einem Dach kulturell verschieden geprägte Gefässe zu fördern. Zum Beispiel eine eritreische Kleingruppe oder einen Treffpunkt für Thai-Frauen. Solche Gruppen funktionieren nach der jeweiligen Kultur und Sprache. Darüber gibt es ein Dach mit gemeinsamen Anlässen und einer gemeinsamen Leiterschaft. Eine solche Gemeinde pflegt die Vielfalt der Kulturen. Dazu passt die Bezeichnung "multikulturell".

Beim interkulturellen Modell muss man seine eigene Kultur praktisch aufgeben, ist das richtig?

Bis zu einem gewissen Grad schon, ja. Hier entwickelt sich eine Gemeindekultur aus verschiedenen Prägungen. In grossen internationalen Bewegungen herrscht die Kultur der Bewegung, wie etwa in der Heilsarmee.

Im multikulturellen Ansatz will man die Kultur also nicht aufgeben, sondern es wird versucht, mehrere Kulturen unter einen Hut zu bringen. Das geht wohl nur mit verschiedenen Gefässen?

Ja, das macht die multikulturelle Gemeinde aus. Die Gruppen sind teilweise sehr unterschiedlich. Die Gemeinden gehen auch ganz unterschiedlich damit um. Teilweise gibt es eigene Gottesdienste für die Gruppen, aber auf jeden Fall auch gemeinsame Events.

Was ist, wenn eine Schweizer Gemeinde sagt, wir wollen uns für Migranten öffnen, möchten aber unsere eigene Kultur nicht aufgeben, sie ist uns wichtig. Geht das überhaupt?

Man muss sehen, dass genau dieser kulturelle Identitätsverlust, den wir befürchten, für beide Seiten gilt, also auch für die Migranten. Genau das macht das Spannungsfeld aus. Dass eine Gemeinde ihre Kultur nicht aufgeben will, ist sehr natürlich. Wenn sie sich öffnen will, wird sie sich also auf einen Weg machen. Wo der genau hinführt, ist am Anfang oft nicht planbar. Wenn die Gemeinde Kontakt zu Menschen bekommt, die bereit sind, einen Teil ihrer Identität aufzugeben und Schritte auf die Schweizer zuzu­gehen, dann entwickelt sich das in Richtung "interkulturell mit stark schweizerischem Einfluss". Der andere Weg ist, dass eine Gemeinde durch gemeinsame Räumlichkeiten mit einer bestehenden Gruppe aus einer anderen Kultur in Kontakt kommt. Sie fängt nach und nach an, mit dieser Gruppe zusammen Aktivitäten zu unternehmen. Das geht dann in Richtung multikulturell. Bei einer solchen Annäherung ist es wichtig, dass auch die Leiterschaft frühzeitig gemischt wird.

Im Gemeindebau ist die Sichtweise vorherrschend, dass Gemeindewachstum stark mit Einheit und Homogenität zusammenhängt. Also mit einer Ausrichtung auf eine Zielgruppe. Verliert eine multikulturelle Gemeinde nicht genau das, wenn sie nach allen Seiten offen sein will?

In der Missiologie wird dieses "Dogma" inzwischen diskutiert. Gemeindebau in einem multikulturellen Umfeld nach diesem Prinzip auszuführen, ist eigentlich ein Widerspruch zum Evangelium. Der Leib Christi setzt sich aus allen Kulturen zusammen und das muss irgendwie auch lokal erlebbar werden. Ich glaube, dass die multikulturellen Gemeinden hier interessante neue Möglichkeiten bieten. Sie können die Evangelisation und auch die Kontakte nach aussen in die Gruppen verlegen, die eine bestimmte kulturelle Prägung haben. Dort ist eine Andockmöglichkeit ohne kulturelle ­Barrieren vorhanden. So kann eine eritreische Gruppe ihre Landsleute mit tigrinyasprachigen Anlässen und anschliessender Kaffeezeremonie erreichen. Im gemeinsamen Gottesdienst der Gesamtgemeinde merken sie, dass zum Leib Christi noch andere Menschen dazugehören.

Viele Menschen suchen gerade in ihrer Kirche ein Stück Heimat - auch Migranten. Wie stark kann eine multikulturelle Gemeinde diese Heimat noch bieten?

Wenn eine kulturelle Durchmischung stattfindet, dann geht ohne Zweifel einiges von dem Heimat­gefühl verloren. Die Suche nach Heimat gehört ganz tief zu unserem Glaubensleben. Das drückt der Hebräer­brief aus: Wir suchen eine Heimat und die echte Heimat liegt in Gott. Aber gleichzeitig sind wir sehr geprägt von einer menschlich-kulturell gefärbten Heimat. Darum liegt das auch so nahe zusammen. Eine monokulturell geprägte Gemeinde kann das viel direkter und dynamischer ausleben. Darum gründen Migranten eigene Gemeinden. Interkulturelle Gemeinden können da nichts Äquivalentes bieten. In multikulturellen Gemeinden kann sich in den einzelnen Gruppen so etwas aber schon entwickeln. 

Eine monokulturelle Gemeinde funktioniert natürlicherweise. In interkulturellen Gemeinden muss man sich erst einmal miteinander verständigen. Braucht das nicht viel zu viel Energie?

Der Aufwand ist da, das ist klar - allein schon in der Verständigung und der Organisation. Es braucht Übersetzungen, man muss mehr Leute einbeziehen, mehr Rückfragen stellen und Sensibilitäten berücksichtigen. Was langfristig daraus entsteht, ist jedoch entscheidend für unsere nächste Generation, die immer mehr durch die Vielfalt der Kulturen geprägt sein wird. Wenn wir Zeugen von Jesus Christus in der heutigen Welt sein wollen, dann gibt es keine Abkürzung. Es geht letztlich auch um die Glaubwürdigkeit der christlichen Gemeinden. Jesus schickt uns zu den Menschen aller Völker. Wenn wir auf diese Menschen nicht zugehen, dann haben wir ein Problem mit unserem eigenen Auftraggeber und mit der Gesellschaft um uns herum. Die Gesellschaft muss sich mit diesen Prozessen auseinandersetzen und leidet oft auch daran. Im Kontakt mit Christen aus anderen Kulturen haben wir den Vorteil, dass unsere Grundlage dieselbe ist. Wir glauben an denselben Gott, wir haben die gleiche ­Bibel. Wenn sich das nicht auswirkt, was haben wir dann noch für eine Botschaft?

Die multikulturelle Gesellschaft birgt auch Gefahren. Viele Menschen befürchten, dass sie einen undefinierbaren Einheitsbrei hinterlässt. Hat eine Kultur nicht auch einen eigenen Wert, den man erhalten sollte?

Die einen befürchten einen Einheitsbrei, die anderen verklären ein multikulturelles Ideal. Das ist beides nicht gemeint. Ich gehe davon aus, dass in interkulturellen Begegnungen ein grosses Potenzial liegt, wenn wir uns der eigenen Stärken und der Ergänzungsbedürftigkeit bewusst werden. Es gilt zu entdecken: Mein Glaube ist kulturell geprägt, aber einzelne Elemente gehen tiefer. Eine andere Kultur ist dann keine Bedrohung, sondern eine andere Ausdrucksform auf der gleichen Grund­lage, auf der wir uns finden können. Ich kann zu meiner Kultur stehen und von der anderen lernen und mich ergänzen lassen. Schwierigkeiten können in interkulturellen Gemeinden dann entstehen, wenn die kulturelle Prägung verneint wird, nach dem Motto: "Nein, wir haben keine Kultur, Jesus ist unsere Kultur." Wenn man aber genauer hinschaut, dann stimmt das nicht. Oft entwickeln solche Gemeinden eine eigene Subkultur. Wir können ohne kulturelle Formen nicht einmal Musik machen oder beten.

Welches Potenzial haben monokulturelle Gemeinden?

Interessanterweise ist bei einigen monokulturellen Gemeinden die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden grösser. Wahrscheinlich ist man sich stärker bewusst, dass man Ergänzung braucht. Bei monokulturellen Migrationsgemeinden ist ein Hauptleidenspunkt die zweite Generation. Hier herrscht eine Gemeindekultur, die anders ist als das Umfeld. Dadurch fühlt sich die junge Generation nicht mehr verstanden, es entstehen grosse Spannungsfelder. Gerade in der Jugendarbeit kann die Zusammenarbeit mit Schweizer Gemeinden sehr wertvoll werden. Das erfordert eine vertrauensvolle Beziehung zwischen den Gemeinden. Andere Möglichkeiten bestehen in gemeinsamen Evangelisationen, die Türen zu neuen Zielgruppen öffnen können.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Johannes Müller gehört zum Leitungsteam der AGiK (Arbeitsgemeinschaft interkulturell der Schweizerischen Evangelischen Allianz) und wohnt in Winterthur. Er ist verheiratet mit Barbara und hat fünf Kinder. 14 Jahre lang war er in der Leiterausbildung in Guinea (Westafrika) mit der Schweizer Allianz Mission tätig. Seit sechs Jahren baut er mit Barbara den "African Link" auf, einen Dienst mit afrikanischen Gemeindeleitern und ihren Mitgliedern in der Schweiz, der mit der MEOS assoziiert ist.

 
Author: Christof Bauernfeind
Quelle: ideaSpektrum Schweiz

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